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Die Stadt der Treverer auf dem Martberg - Die neuesten Ergebnisse der Grabungskampagne 2009

Das DFG-Projekt „Heiligtum und Oppidum auf dem Martberg“ neigt sich langsam aber sicher seinem Ende zu. Auf zehn Jahre konzipiert, wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Abteilung Archäologie Koblenz getragen. Im vorletzten Jahr der Grabungen sah der Plan vor, weitere Siedlungsflächen zu untersuchen, um einen Einblick in die Siedlungsstruktur in verschiedenen Bereichen des Martbergs zu bekommen. Die geomagnetische Prospektion konnte bereits im Vorfeld größere Strukturen und teilweise sogar Hausgrundrisse feststellen; die feineren Details sowie die Datierung können jedoch nur durch eine archäologische Untersuchung geklärt werden. Eine weitere Informationsquelle sind Lesefunde, die seit Jahren akribisch eingemessen und verwaltet werden. Diese beiden unterschiedlichen Daten – Geomagnetik und Lesefunde – sind wichtige Hilfsmittel, um eine Grabungsstelle auszuwählen. Durch die exakten Messdaten ist eine zielgerichtete Ausgrabung möglich.

Abb. 1. Flurplan des östl. Martberges mit Eintragung der 2008 und 2009 untersuchten Flächen

In diesem Jahr wurde damit begonnen, die verbliebenen Befunde aus der letzten Kampagne auszugraben; schlechtes Wetter und die unerwartet arbeitsaufwändigen Brunnen hatten hier den Zeitplan durcheinander gebracht. Die lang gestreckte Fläche 20 mit ihren beiden Brunnenschächten im Mittelteil – vermutlich umgeben von einer Art Brunnenhaus – zeigte südlich davon eine dichte Streuung von Pfosten und kleineren Gruben. Grundrisse von Speicherbauten lassen sich rekonstruieren und deuten auf eine mehrphasige Bebauung. Erwähnenswert ist eine Grube, die randvoll mit so genanntem Rotlehm angefüllt war – durch Hitzeeinwirkung verziegelten Resten einer Hauswand oder sogar eines Ofens. Als Überraschung fand sich auf der Sohle dieser Grube ein vollständiges eisernes Messer von über 30 cm Länge.

Der Nordteil dieser Fläche, im Winkel zweier moderner – und vielleicht auch in keltisch-römischer Zeit benutzter? – Wege erbrachte eine Vielzahl von Strukturen, von denen allerdings einige jüngeren Ursprungs waren; aufgrund schlechter Erhaltung ließen sich hier nur wenige Grundrisse rekonstruieren. Einige Gruben sind spätkeltischer Datierung, andere Strukturen scheinen bis in spätrömische Zeit zu reichen. Die Fundbearbeitung wird hier vermutlich mehr Klarheit bringen. Massive Holzkohle- und Rotlehmschichten deuten hier auf Handwerk oder einen Zerstörungshorizont. Am nördlichen Rand der Fläche 21 war eine kreisrunde Grube mit massiven Steinschüttungen im oberen Bereich freigelegt worden; sie lieferte im oberen Verfüllungsbereich die für den Siedlungsbereich bislang seltene Belgische Ware mit Barbotine-Punkt-Dekor, die etwa um die Mitte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts datiert, sowie auch ältere Keramik; bemerkenswert ist die ebenfalls nur in diesem Befund bezeugte Terra Sigillata – feines Importgeschirr aus Italien.

Abb. 2. Grabungsplan der Fläche 22. Hausgrundrisse sind durch Linien verbunden

Bei den neu zu untersuchenden Flächen wurde mit Fläche 22 zunächst ein Bereich untersucht, der in der Geomagnetik eine große komplexe Struktur und umgebend weitere Gruben und vielleicht Hausgrundrisse vermuten ließ; hinzu kamen Lesefunde aus spätkeltischer Zeit. Die rund 600 Quadratmeter große Fläche, über 300 m Luftlinie vom Tempelbereich entfernt, war offenbar dicht bebaut: Es fanden sich nicht nur Gruben und Pfosten, sondern auch Überlagerungen, die eine Abfolge von Bauten belegen. Im mittleren Südteil der Fläche war ein typischer Sechspfostenspeicher erkennbar, mit rund 3 x 2,4 m Seitenlänge. Dieses Gebäude wurde aufgegeben und an dessen Stelle ein großes Wohnhaus errichtet. Der rechteckige Grundriss umfasst rund 35 Quadratmeter, und es war an den beiden Schmalseiten jeweils ein Eingang vorgelagert – die Konstruktion mit zwei Eingängen ist am Martberg schon mehrfach belegt, allerdings liegen diese hier zum ersten Mal einander gegenüber. Auffallend sind die massiven Eckpfosten dieses Hauses – mit über einem Meter Durchmesser und einer Tiefe von noch rund einem Meter (wobei sicher noch ein gutes Stück von der ursprünglichen Oberfläche durch den Ackerbau abgetragen worden ist); eine solch massive Fundamentierung der Eckpfosten lässt eine mindestens zweistöckige Bauweise vermuten.

Abb. 3. Sequaner-Münze aus Potin.

Als weitere Besonderheit kam in einer der Pfostengruben eines Eingangs eine keltische Münze zutage. Der Münztyp ist am Martberg eher selten und stammt aus dem Gebiet des keltischen Stammes der Sequaner – also der Region um das heutige Besançon in Ostfrankreich und der Südwestschweiz. So weit nördlich war dieser Münztyp bislang nicht belegt und betont wieder die weiten Handelskontakte der Kelten vom Martberg.

Abb. 4. Überlagerung zweier Befunde. Derartige Stratigraphien sind wichtig zur Interpretation der Abfolge einzelner Gebäude.

Aufgrund der vorgefundenen Überschneidungen ließ sich eine Abfolge von Gebäuden belegen: Ein kleines rechteckiges Gebäude könnte das älteste sein; seine Orientierung entspricht dem des oben genannten Sechspfostenspeichers. Nicht davon überschnitten, aber leicht gegen den Uhrzeiger gedreht und etwas größer liegt ein weiteres rechteckiges Gebäude westlich daneben – die beiden Gebäude können aufgrund der Überlagerung nicht gleichzeitig sein. Einer der Pfosten dieses Gebäudes wird allerdings geschnitten von einem der Pfosten eines mächtigen Sechspfostenspeichers; dieser ist deutlich größer als der oben beschriebene. Exakt mit der gleichen Orientierung wurde östlich neben diesem Speicher ein kleiner quadratischer Vierpfostenspeicher errichtet; nur wenig östlich davon fand sich ein weiterer Vierpfostenbau, der die gleiche Orientierung aufweist, allerdings deutlich schlechter erhalten war. Zwischen diesem Gebäude und den vorgenannten verlief ein schmales Gräbchen, vielleicht zur Entwässerung oder als Abgrenzung? Dieses Gräbchen wird wiederum geschnitten von einem quadratischen Vierpfostenspeicher sowie von einer großen Grube. Deren Verfüllung ist aufgrund des Fundmaterials einige Jahrzehnte jünger als die Gebäudestrukturen – wobei deren Datierung sich allerdings als schwierig erweisen wird aufgrund der wenigen darin enthaltenen Funde.

Abb. 5. So genannter Massilia-Obolus aus Silber. Erkennbar sind die Buchstaben M und A als Abkürzung für Massilia, dem heutigen Marseille

Ein ganz besonderer Fund kam unmittelbar neben der großen Grube im Ackerhorizont zutage – eine kleine Silbermünze mit der Abkürzung für Massilia, also Marseille. Diese weniger als einen Zentimeter große Münze ist erst die zweite diesen Typs vom Martberg.

Zwei weitere Gruben sind typische Siedlungsgruben, in denen der Abfall entsorgt wurde – die klassische „Fundgrube“. In einer fand sich etwa eine halbe Drehmühle aus Basalt, in der anderen wurde neben zahlreichen Gefäßscherben und Schlackefragmenten auch eine bronzene Fibel geborgen. Dieser Fibeltyp datiert die Verfüllung in die letzte Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts. Am östlichen Rand der Grabungsfläche befand sich eine weitere runde Verfärbung, die sich allerdings deutlich tiefer als die anderen Gruben nach unten hin fortsetzte. Der anstehende Boden wechselte in den unteren Schichten zwischen Sanden und Kiesen der Moselterrassenschotter. Es handelt sich offenbar um eine Zisterne oder einen Brunnen – je nachdem, ob in keltischer Zeit hier wasserführende Schichten angetroffen waren. Die Tiefe der Struktur war noch rund 1,80 m unter der heutigen Oberfläche.

Fläche 23, die sich zwischen dem Tempelbezirk und der Fläche 22 befand, bot einen guten Einblick in die Boden und Befundlage. Im Norden der Fläche stand dichter Lehm an – und wie in der Geomagnetik erkannt, befand sich hier ein mächtiger Sechspfostenspeicher. Bei diesem waren die Pfosten rund 1,20 m im Durchmesser groß, und die Grundfläche maß etwa 11 Quadratmeter. Die Verfüllung der Pfostengruben war in den meisten Fällen mehr als schlecht erkennbar – offenbar wurden die Löcher für die Fundamente der Holzpfosten gegraben und unmittelbar mit dem gleichen „anstehenden“ Material verfüllt; zudem war vermutlich nur wenig älteres Abfallmaterial vorhanden, das ansonsten oftmals in diese Gruben als Verfüllung hinein gerät. Dies spricht dafür, dass diese Gebäude zur „Gründergeneration“ gehörten. Jedoch konnten an dieser Stelle geringe Reste eines älteren Gebäudes gefunden werden – nur ein Pfosten war stabiler fundamentiert, indem eine Verkeilung aus Schiefersteinen eingebaut war.

Weite Bereiche in dieser Fläche waren entweder bebauungsfrei, oder die Befunde sind durch jahrhundertelange Überackerung bereits spurlos beseitigt. Dennoch fanden sich auch in den kiesigen Bereichen im Nordwest-Südost verlaufenden Streifen etliche Pfostenspuren, die meist kleinere Hausgrundrisse ergeben. Fünf mittelgroße Abfallgruben datieren überwiegend in spätkeltische Zeit, die Grube in der Südostecke hingegen in frührömische Zeit – eine größere Menge von Scherben und ein vollständiger „belgischer Becher“ mit typischer Rollrädchen-Verzierung geben hier klare Datierungshinweise um die Zeitenwende bzw. in die ersten nachchristlichen Jahrzehnte.

Bemerkenswert ist ein Sechspfostenspeicher, dessen mittlerer nördlicher Pfosten von einer großen Grube überlagert wurde – d.h. vermutlich wurde das Pfostenloch zu einer Abfallgrube erweitert. Es handelt sich nicht um eine Lehmentnahmegrube, da in diesem Bereich Sand vermischt mit Kies ansteht.

Abb. 6.  Bronzene Nauheimer Fibel aus Grube 418. Erkennbar sind die feinen Verzierungen, aber auch die durch moderne Düngung stark angegriffene Oberfläche.

Die Verfüllung der Grube erbrachte eine Nauheimer Fibel, die für die Stufe Latène D1 typisch ist. Sollte es sich nicht um einen Altfund handeln, würde das Gebäude also in einen noch früheren Horizont datieren. Damit wäre ebenfalls ein Hinweis auf die Gründungsphase des Oppidums auf dem Martberg gegeben.

Aufgrund der guten Witterungsverhältnisse und des außergewöhnlich guten Team – an dieser Stelle sei allen Mitarbeitern ganz herzlich für den hervorragenden Einsatz gedankt! – wurden die geplanten Flächen früher als erwartet abgeschlossen. Dies bot die Möglichkeit, zwei weitere Bereiche zu untersuchen. Der erste – Fläche 24 – wurde ausgewählt aufgrund einiger Lesefunde, die eine frühe Datierung vermuten ließen, und einer größeren Anomalie, wie sie im gesamten östlichen Bereich des „Männleinfeldes“ reichlich belegt ist. Tatsächlich wurde ein großer Grubenkomplex angetroffen, der mit rund 8 x 5 m Größe fast die Fläche einnahm.

Abb. 7.  Fläche 24: Große Teile einer Flasche aus feiner, scheibengedrehter, spätkeltischer Keramik.

Hier, hangabwärts und offenbar von der Erosion eher verschont, zeigte sich eine erstaunlich gute Befunderhaltung. Die Gruben wiesen in mehreren Fällen eine Tiefe von 1 m und mehr auf, der auflagernde Mutterboden betrug über 30 cm. Allerdings widersetzte sich der Grubenkomplex einer schnellen Bearbeitung – sechs bis sieben Plana (d.h. Abträge von jeweils rund 10 cm Mächtigkeit) waren nötig, um die einzelnen Schichten und Bereiche deutlich voneinander unterscheiden zu können; offenbar sind hier verschiedene Lehmentnahmegruben oder Strukturen anderer Funktion nacheinander angelegt und wieder verfüllt worden – und zwar mit großen Mengen an Abfällen. Eine Grube wies eine Verfüllung mit einer massiven Brandschicht mit reichhaltiger Keramik auf, eine andere große Mengen an Rotlehm.

Abb. 8.  Profilschnitt durch die Grube 602. Die Holzkohleschichten im oberen Teil sind deutlich erkennbar.

Die letzte ausgewählte Fläche 25 war etwas „überschaubarer“, da die Geomagnetik drei größere Gruben in direkter Nachbarschaft verhieß. Somit mussten nur rund 120 Quadratmeter gezielt geöffnet werden. Die drei Befunde zeichneten sich deutlich im Lehmboden ab, und zusätzlich zeigte sich ein Vierpfostenspeicher; einer seiner Pfosten war durch eine der großen Gruben abgetragen worden– auch hier also ein wichtiger stratigraphischer Hinweis auf eine Siedlungsabfolge. Während die beiden nördlichen Gruben aus der spätkeltischen Zeit datieren, stammt die dritte Grube aus frührömischer Zeit. Krüge und Teller bieten einen guten zeitlichen Anhaltspunkt der Verfüllung etwa um die Zeitenwende, und eine bronzene Scharnierfibel vom Sohlenbereich der Grube weist in die gleiche Zeit. Ungewöhnlich ist eine kleine durchbohrte Basaltkugel – vermutlich ein Webgewicht, das aus einem zerbrochenen Mahlstein hergestellt wurde: Recycling!

Abb. 9.  Glasperle aus der spätkeltischen Grube 602. Durchmesser 2,3 cm.

Die spätkeltische Grube wies eine Verfüllung auf, die im oberen Bereich zahlreiche Holzkohleschichten und sogar eine leichte Verziegelung aufwies – offenbar war heißes Material, etwa glühende Kohle, eingefüllt worden. Neben zahlreichen Keramikstücken fand sich in der Grube ein vollständiges Webgewicht aus gebranntem Ton und eine 2,3 cm große Ringperle aus Glas – ein innerhalb der Siedlung recht ungewöhnlicher Fund, der aus den keltischen Gräbern in Wederath und weiteren Fundorten gut bekannt, am Martberg aber bisher singulär ist.

Die zahlreichen Funde aus Keramik werden in nächster Zeit gereinigt, die Metallfunde restauriert. Ihre wissenschaftliche Aufarbeitung wird nähere Aufschlüsse zur Datierung und Interpretation der einzelnen Siedlungsbereiche zulassen. Im nächsten Jahr werden die Befestigungsanlagen im Fokus der Forschung liegen. Mehrere Schnitte durch den Wall und die Grabenanlagen sind geplant und runden die Untersuchungen des Projekts ab. Mit Spannung wird derzeit ein so genannter Laserscan erwartet, der mithilfe digitaler Daten aus Befliegungen des Landesvermessungsamtes durch Mitarbeiter des Fachbereichs Geographie in Mainz erstellt wird. Durch Berechnungen kann die Geländeoberfläche ohne Bebauung und Bewuchs als 3D-Modell dargestellt werden und wird eine wichtige Ergänzung und ein Hilfsmittel für die Geländeforschungen sein.

Dr. Claudia Nickel
Grabungsleiterin Martberg-Projekt

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